Die moralische Unschärfe

Die Heisenberg’sche Unschärferelation in der Quantenphysik besagt, dass zwei komplementäre Eigenschaften eines Teilchens nicht gleichzeitig beliebig genau gemessen werden können. Dies gilt beispielsweise für den Impuls p und den Ort q eines Teilchens, aber auch für dessen Energie E und Zeit t.

                                         Δp x Δq  ≥ h  oder ΔE x Δt  ≥ h

Ein Zustand ist erst dann bestimmt, wenn er eingetreten ist. 

Die Vorhersagbarkeit, die im Kleinen nur in Grenzen von Wahrscheinlichkeiten möglich ist, wird sich im Großen nicht verbessern, wenn Größe nur durch Komplexität entsteht. Daraus lässt sich schließen, dass auch unser Handeln in plötzlich auftretenden Situationen nicht exakt vorhersagbar ist. Erst, wenn wir sie erlebt haben, können wir uns sicher sein. Bis zum Beweis gilt die Unsicherheit, die wir analog zur Quantenphysik als „Die moralische Unschärfe“ bezeichnen möchten. Im Gegensatz zur Quantenphysik, wo es sich um reell-wertige Abweichungen um einen Erwartungswert handelt, stellt sich die moralische Unschärfe im Rahmen diskreter Handlungsalternativen selbst dar.  

Einen Vorschlag, wie trotz Unschärfe eine plausible Lösung aufgezeigt werden kann, macht Griffith in seinen „stimmigen Geschichten“ [Michel Houellebecq, „Elementarteilchen“ (Roman)]. Danach werden verschiedene Geschichten (oder auch mögliche Geschichten) zu bestimmten Zeitpunkten mit ihren Eigenschaften festgehalten, zu Abläufen zusammengefügt und widerspruchsfrei in die jeweilige interessierende Zeit übertragen. Dann ist es an uns, zu prüfen, welche Alternative am wahrscheinlichsten ist.  

Wir anstelle unserer Eltern: Wie hätten wir uns anstelle unserer Eltern verhalten?  

Gedichtform: Rondeau   
Die moralische Unschärfe
 
Ich hätte mich gewehrt, 
nicht passiv dagestanden,
hätte aufbegehrt, 
den Schergen widerstanden, 
auch wenn nicht unversehrt, 
gefallen wär in Schanden, 
und Angst hätt‘s mir erschwert, 
die Menge nicht verstanden. 
Ich hätte mich gewehrt,  
die Menge aufgewiegelt, 
nicht einfach eingeigelt, 
hätte gezetert und geschrien, 
dass dies Volk in meinem Namen niemals handelt, 
hätte vor dem Führer ausgespien,  
bis mehr noch zu dem Entschluss gewandelt. 
Ich hätte mich gewehrt. 
 
Ich hätte weggesehen, 
hätte die Schreie überhört, 
so viele doch im Gleichschritt gehen, 
die Masse auf das Ganze schwört, 
es kann nicht falsch sein, was geschehen, 
nicht alle sind verblendet und betört, 
und auch bei Licht besehen 
das Recht dem Stärkeren gehört. 
Ich hätte weggesehen, 
nicht wirklich gutgeheißen, 
alleine kann ich eh nichts reißen, 
hätte gewartet, dass die Menge handelt, 
dann ja, dann wär auch ich bereit, 
wenn Lethargie in Widerstand sich wandelt, 
aufzubegehren, wenn des Volkes Stimme schreit. 
Ich hätte weggesehen.
 
Ich hätt es initiiert, 
weil ich es mitgetragen, 
mit Überzeugung nachempfunden, 
in Reden vorgetragen, 
allein seligmachend die Idee gefunden, 
hoch aufgesessen auf den Wagen, 
fahnenschwenkend zu bekunden, 
das Heil des Volkes auf Händen tragen. 
Ich hätt es initiiert, 
damit ein stolzes Volk, ein Vaterland 
aus den Ruinen wiedererstand, 
es mächtiger noch aufgebaut,
himmelwärts empor sein Wesen 
der Glorie anvertraut, 
an seinem Heil sollte die Welt genesen. 
Ich hätt es initiiert.

 

  Aus Virtuelle Verrückungen (c) ALEPH-Consulting GmbH Verlag, (Leseprobe)